Im Unterdorf, Ecke Gerauer Weg liegt unsere kleine schmucke Fachwerkkirche.
Sie ist von hoher baugeschichtlicher Bedeutung.
An der Stelle, an der sich heute die Fachwerkkirche erhebt, stand im 13. Jahrhundert,
bevor 1526 die Reformation in Hessen eingeführt wurde, eine kleine Kapelle.
Im 30-jährigen Krieg kam die alte Kapelle in Verfall.
Auf dem Grund und Boden dieses ersten Gotteshauses entstand im Jahre 1696
- unter Verwendung alter Bauteile - die jetzige Kirche.
Diese Kirche soll einer Anekdote zufolge zum Dank für die Errettung aus der notvollen Zeit der Pest errichtet worden sein.
In der Folgezeit hat die Kirche eine wechselvolle Baugeschichte durchstanden; mehrmals wurde wegen Bauschäden an der Kirche die Stillegung und deren Abriß in Erwägung gezogen.
Nach einer gründlichen Renovierung in den Jahren 1970 bis 1974 konnte die Kirche wieder in einen würdigen Zustand versetzt werden. „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.” (Ps.127,1)
Seit 1970 steht die Kirche unter Denkmalschutz; sie ist die älteste freigelegte Fachwerkkirche Südhessens.
Mit Stolz weist die Kirchengemeinde auf dieses schmucke Bauwerk von hohem kunsthistorischen Wert hin.
In Vorjahren wurde die Kirchengemeinde Worfelden von Pfarrern der Groß-Gerauer Mutterkirche gottesdienstlich versorgt, bis sie im Jahre 1869 einen eigenen Pfarrer erhielt.
Altarraum der Evangelischen Kirche Worfelden
Zur Geschichte der Orgel- Aufbau und Klangbeispiele
Neben der bedeutsamen Fachwerkkirche verfügt die Kirchengemeinde über eine weitere baugeschichtliche Kostbarkeit.
In den Mauern der Kirche verbirgt sich eines der ältesten Denkmäler in der Geschichtedes Orgelbaus am Mittelrhein von 1624 — eines der ganz wenigen Instrumente, die in Deutschland aus der Zeit des 30jährigen Krieges fast völlig original erhalten sind.
Die in ihrem Aufbau zwar einfache, aber interessante Orgel wurde in den Jahren 1623/1624 durch den Orgelbaumeister Adam Knauth aus Bamberg erbaut und in der Darmstädter Schloßkirche der Landgrafen von Hessen errichtet.
Als 1709 in der Hofkapelle des Schlosses eine neue und größere Orgel eingebaut wurde, schenkte Landgraf Ernst Ludwig das ausgediente Instrument der von den Reunionskriegen schwer heimgesuchten Stadt Zwingenberg, deren Kirchenorgel durch feindliche Truppen zerstört worden war.
Als 1830 die Zwingenberger an den Kauf einer neuen Orgel denken konnten, kam jene
kleine, aber sehr vortreffliche, vom Landgrafen gnädigst verehrte und dann verschenkte Orgel in die Kirche nach Worfelden, wo sie heute noch im Gebrauch ist und von Kennern aus Deutschland und Europa und auch aus den USA Beachtung findet.
Trotz der beiden Ortswechsel ist die Orgel mit Pfeifenwerk, Windlade, Spiel- und Registertraktur bei einer alten sogenannten „mitteltönigen” Stimmung nach einer gründlichen Restaurierung der Nachwelt erhalten geblieben.
Das Instrument und der mit Engeln verzierte Prospekt besitzen höchsten kunstgeschichtlichen Wert.
Sie ist eine der besterhaltenen und ältesten Orgelwerke nicht nur in Hessen, sondern in Deutschland überhaupt, ein Werk von reicher musikgeschichtlicher Tradition, die Schöpfung eines Meisters von hohem Rang.
Die beschriebene Orgel ist die zweitälteste im Gebiet der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau. Gleich der ehrwürdigen Kirche steht auch die Orgel unter Denkmalschutz.
Die Worfeldener Orgel -
einige Erläuterungen eines Organisten für interessierte Nicht-Orgelkenner von Christian Schmitt-Engelstadt, Worms
Kleine orgelkundliche Vorbemerkung:
Die Pfeifenlänge (und damit: die Tonlage) bei Orgelregistern wird nach alter Tradition in
Fußzahlen angegeben. Bei einem 8-Fuß-Register (8') beträgt die Länge der tiefsten Pfeife
(des „großen C“) acht Fuß, also etwa 2,40 m*. Die 8'-Lage ist dabei die Normallage, wie sie etwa auch auf dem Klavier erklingt. Ein 4'-Register klingt genau eine Oktave höher als ein 8'; ein 2'-Register klingt wiederum eine Oktave höher als der 4' bzw. zwei Oktaven höher als der 8'. Ein Quintregister produziert keinen Oktavton wie 4', 2' oder 1', sondern eine hochliegende Quinte. Gemischt mit normalen Registern färbt etwa eine Quinte 1 1/3' den Klang, wie es Oktavregister alleine nicht tun könnten. Ein Mixturregister – in Worfelden: die Sesquialtera – steigert dieses Prinzip der Klangeinfärbung noch durch Mehrfachbesetzung der einzelnen Töne. Die Worfeldener Mixtur ist doppelt besetzt – mit Quinte und Terz; nach Mixturart klingen die Pfeifen im unteren Bereich sehr hell, um dann in der Tonfolge nach oben gehend in drei Stufen ein immer tiefer basiertes Klangniveau einzunehmen („Repetition“ der Mixtur).
*bauartbedingt sind 8'-Gedacktregister - sie haben „gedeckte“, also geschlossene Pfeifen - nur halb so groß wie offene 8'-Register, sie produzieren aber dieselbe Tonlage wie diese; ein 8'-Gedackt hat also eigentlich nur die Größe eines 4'-Registers, hat aber die Tonhöhe eines 8'-Registers und wird daher auch so genannt.
Die Register der Worfeldener Orgel:
Principal 4': das Hauptregister mit weitgehend in der Vorderfront (im „Prospekt“) sichtbar plazierten Pfeifen; das klangliche Rückgrat der Orgel
Gedackt 8': das füllig-weiche Basisregister, auf dem die meisten Registrierungen aufgebaut werden
Spitzflöte 4': ein schwächeres und weicheres, dabei aber zeichnendes Alternativregister zum Prinzipal
Oktave 2': ein strahlendes prinzipalisches Register, eine Oktave über Prinzipal 4'
Quinte 1 1/3': hohes Obertonregister für helle Klangmischungen
Sesquialtera 2fach: ein doppelt besetztes, scharfes Quint-Terz-Mixturregister
Tremulant: eine Vorrichtung, die den Orgelwind zum Tremolieren, also „Beben“ bringt
Der Klangaufbau der Sesquialtera im einzelnen:
ab C: 1 1/3' 4/5'
ab c': 2 2/3' 4/5'
ab f': 2 2/3' 1 3/5'
ab fis'': 5 1/3' 3 1/5'
Beim erstgenannten Pfeifenchor handelt es sich um den Quintchor, beim zweiten um den Terzchor.
Rein rechnerisch gäbe es noch weit mehr Kombinationen, die aufgeführten gehören jedoch zu den gebräuchlichsten. - Die Sesquialtera wird eigentlich nicht allein verwendet, sie erklingt hier lediglich zur Darstellung ihres klanglichen Aufbaus.
Die Orgel verfügt nur über sogenannte Labialregister mit Pfeifen, die – einer Blockflöte ähnlich – über Labien verfügen, an denen sich der Luftstrom bricht (Labialpfeifen heißen auch „Lippenpfeifen“). Zungenregister wie Trompete oder Krummhorn enthält die Orgel nicht. - Als reines Manualwerk hat sie kein Pedal. - Diese “Mängel“ werden durch den frischen und charakteristischen Klang der sechs Register mehr als wettgemacht.
Der Blasebalg der Orgel kann auch manuell mit 2 Lederriemen bedient werden,
die abwechselnd gezogen werden müssen,
um die Orgelpfeifen mit Luft (Wind) zu versorgen. "Beim Handbetrieb der Bälge klingt die Orgel sogar noch atmender und weniger hart."
Auf dem Bild oben: Organist Dieter Graf und Heinz Josef Sandner vom KV
Besonderheiten:
Als fast gänzlich original erhaltene Orgel der Spätrenaissance bzw. frühen Barockzeit (von insgesamt 329 Pfeifen mussten nur 34 bei der Restaurierung neu hergestellt werden) verfügt die Orgel über einige Besonderheiten, so die alte Belegung der Tasten in der Bassoktave als „kurze“ bzw. „gebrochene“ Oktave, die sogenannte „mitteltönige Stimmung“ und das ungewöhnliche Stimmtonniveau von 479 Hz für a'.
Stimmtonhöhe:
Mit 479 Hertz für den Kammerton a' klingt die Orgel über einen Halbton höher als heutige Instrumente (üblich sind 440 bis 443 Hz). Im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten ergeben sich daher Komplikationen, die nur durch Transponieren in andere Tonarten oder – soweit möglich - durch Umstimmung des Soloinstruments umgangen werden können.
Mitteltönige Stimmung:
Sie war im 17. Jahrhundert die vorherrschende Art der „Temperierung“ für Orgeln. Sie unterscheidet sich fundamental von der heute gebräuchlichen „gleichstufigen“ Stimmungsart: Während diese den Abstand der Halbtöne so ausgeglichen zu machen versucht, dass alle Dreiklänge möglichst gleiche Qualität haben (und dass damit alle Tonarten benutzbar sind), so konzentriert sich die mitteltönige Stimmung etwa bei den Durdreiklängen auf acht spielbare, die aber - durch die Reinheit der Terz - ausgesprochen rein und entspannt klingen. Dafür nimmt diese Stimmung die Nicht-Spielbarkeit der verbleibenden vier Durdreiklänge in Kauf – das ist der Preis, der für den Wohlklang der acht bezahlt werden muss. Es ist nun einmal so, dass – wenn man die Tastatur nicht mit unzähligen Tasten vollstopfen will – ein Kompromiss auf jeden Fall gemacht werden muss: die gleichstufige Stimmung verzichtet auf den besonderen Wohlklang der Mitteltönigkeit, macht dafür aber alle Dreiklänge zugänglich (die alle annähernd gleich gut oder schlecht ge- oder verstimmt sind); die mitteltönige Stimmung verzichtet auf die Möglichkeit, alle zwölf Dreiklänge spielen zu können, macht dafür aber die acht Tonarten C-, G-, D-, A-, E-, F-, B- und Es-Dur sehr rein- und wohlklingend und verzichtet auf den Gebrauch von As-, Des-, Fis- und H-Dur, die extrem falsch klingen (Klangbeispiele). Dementsprechend werden diese Tonarten in der Orgelmusik des 17. Jahrhunderts auch meist umgangen. Auf die Technik dieser Stimmung und die zugrundeliegenden akustischen Voraussetzungen soll hier nicht eingegangen werden. - Die Musiker nutzten die Mitteltönigkeit gerne in ihren Kompositionen, trieben die Entwicklung der musikalischen Temperatur jedoch auch voran. So kam die mitteltönige Stimmung im 18. Jahrhundert schließlich aus der Mode, da es die Organisten nach Spielbarkeit aller Tonarten verlangte. Vielleicht hatte man sich an den reinen und damit spannungsarmen Klängen der Mitteltönigkeit auch etwas satt gehört. Die sogenannten „wohltemperierten“ Stimmungen breiteten sich allgemein aus. Ein Sonderfall dieser Stimmungen, die oben erwähnte Gleichstufigkeit, wurde im 19. und 20. Jahrhundert zum Standard.
(die Kursiven (farblich Hinterlegten) sind die unspielbaren, weil zu gespannt klingenden Dreiklänge):
Tastenbelegung:
Seit langem ist es üblich, die Tasten in der tiefsten Oktave
(der „grossen Oktave“) genau so wie in den oberen Oktaven vorzunehmen:
In alten Instrumenten wurde in der tiefsten Oktave jedoch oft die
„kurze Oktave“ gebaut, so auch in Worfelden:
Auf den Tasten, die nach heutiger Gewohnheiten eigentlich E, Fis und Gis enthalten müssten,
erklingen hier also C, D und E. - Auf die Töne Cis, Dis, Fis und Gis wird bei der kurzen Oktave verzichtet.
Die kurze Oktave ergibt bei einem Tonumfang bis c''' ein genau symmetrisches Tastaturbild mit der Mitte d'.
Bei einem Erweiterungsbau im Jahr 1681 ergänzte der Darmstädter Orgelbauer Meyer die Töne Fis und Gis in der Bassoktave. Um die Tastatur möglichst wenig umbauen zu müssen, fügte man „gebrochene“ Obertasten ein: anstelle der Tasten D und E wurden hintereinander angeordnete Doppeltasten für D/Fis und E/Gis eingebaut.
Die Tastenbelegung der großen Oktave ist in Worfelden damit:
Diese im Vergleich zur normalen Belegung sehr gewöhnungsbedürftige Tastenfolge in der tiefsten Oktave stellt die linke Hand des Organisten durchaus vor gewisse Herausforderungen ....
Literatur:
Balz/Menger: Alte Orgeln in Hessen und Nassau, Kassel 1997
Restaurierungsbericht von Jürgen Ahrend, Leer-Loga 1983